Wenn türkische Männer Männer lieben
Homosexualität ist in der Türkei ein Tabu. In Deutschland können
sich dagegen auch türkische Schwule freier bewegen. Allerdings führt gerade
die deutsche Sprache zu Problemen.
Metin war in der Türkei verheiratet. Er hat sich nach nahezu acht Jahren
von seiner Ehefrau scheiden lassen, weil sie sich nicht mehr verstanden.
Dass er schwul ist, habe dabei keine Rolle gespielt, sagt er. Denn das
ist ihm erst in Deutschland bewusst geworden. Er ist einer der türkischstämmigen
Homosexuellen in Deutschland, deren Zahl auf bis zu 15.000 eingeschätzt
wird.
Rücksicht auf die Familie
Das "Coming-Out", also das öffentliche Bekenntnis zur Homosexualität,
stellt für die meisten dieser Menschen das größte Problem dar, sagt Metin.
"Ich bin zwar auch aktiv, aber ich gebe mich nicht als Schwuler zu erkennen.
Aus familiären Gründen, denn in der türkischen Gesellschaft werden die
Schwulen nicht gut angesehen. Für mich ist es kein Problem, aber meine
Familie wäre traurig."
Mehr Freiheit in Deutschland
Metin meint, dass deutsche Schwule es besser haben, weil ihre Familien
Homosexualität als ein ganz normales Phänomen ansehen. Er schätzt das Leben
in Deutschland. Es gebe viel mehr Möglichkeiten für die Homosexuellen,
meint er. Denn in der Türkei könne er sich fast nichts von all dem erlauben,
was er in Deutschland auslebt.
Teilweise ist es dennoch ein Versteckspiel. Denn auch türkischstämmige
Schwule bleiben lieber in der Migrantenszene und der überwiegende Teil
der Migranten in Deutschland kommt nicht aus den türkischen Großstädten,
wo inzwischen mehr Toleranz gegenüber anderslebenden Menschen zu spüren
ist. Sie stammen zumeist aus ländlichen Gebieten Anatoliens, wo Homosexuelle
bestenfalls als Kranke angesehen werden.
Kontaktaufnahme im Cyber Space
Wenn auch in den letzten Jahren die Toleranz gegenüber Homosexuellen
gestiegen ist, bewegt man sich vorsichtig. Die Kontaktaufnahme ist denoch
für türkischstämmige Schwule nicht schwer, meint Metin. Es gäbe mittlerweile
Internetseiten, Partys und Zeitungsannoncen.
Lola hat eine dieser Internetseiten gegründet: Die Seite "Delidivane"
wurde für viele türkischstämmige Schwule zu einem wichtigen virtuellen
Treffpunkt mit deutschen Homosexuellen, aber auch mit denen, die aus anderen
Ländern nach Deutschland gekommen sind. Delidivane sei "sehr international",
erzählt Lola. Sie selbst ist heterosexuell. Aber sie kommt mit Homosexuellen
gut aus, versteht sich mit ihnen und hat keine Berührungsängste.
Anders als auf den meisten schwulen Internetseiten werde auf ihrer Seite
nicht mit Sex geworben, sagt sie. Es gehe eben nur um Kontaktvermittlung:
"Wir haben keine pornografischen Bilder. Das will ich auch gar nicht haben.
Aber das wollen auch die Mitglieder nicht haben. Sie sagen immer: 'Delidivane'
muss sauber bleiben."
Kein Deutsch - keine Aufklärung
Auch wenn die Kontaktaufnahme kein Problem ist - es gibt andere Dinge,
die besonders türkischstämmige Homosexuelle betreffen: Aids. Gökay, ein
Mitarbeiter des AIDS-Hilfe-Projektes "Maasallah" in Essen berichtet, dass
die türkischstämmigen Homosexuellen schlecht informiert seien und deshalb
die Erkrankungsgefahr bei ihnen viel höher liegt. Das liege hauptsächlich
daran, dass die Informationsblätter über Krankheiten auf Deutsch seien.
"Auch verheiratete Männer können Sex mit ihren Geschlechtsgenossen bevorzugen.
Da sie es aber praktizieren ohne sich des Aids-Risikos bewusst zu sein,
ist das Risiko zu erkranken ziemlich hoch."
"Maasallah" würde sich außerdem gerne um die Lesben kümmern, sagt Gökay.
Die lassen sich aber selten blicken. Überhaupt zeigen sich lesbische Türkinnen
meistens nicht öffentlich. "Viele lesbische Frauen sind verheiratet. Ich
glaube, das ist der Grund, warum sie sich verstecken. Wir können die Lesben
nicht erreichen. Ich denke, das kommt daher, dass wir in einer Männergesellschaft
leben."